Tina Veihelmann

Zwischen Oder und Amazonas

Journalistin und Bloggerin Tina Veihelmann über ihre Erwartungen und Realitäten des ländlichen Lebens und deren Auswirkungen auf die Architektur.

Was macht das Leben auf dem Land für Sie aus?

Für mich persönlich zunächst das Bauen – die großen Aufgaben bei der Renovierung unseres kleinen Hauses in der Nähe von Beeskow in Brandenburg. Und dann natürlich die Nachbarschaft in unserem Ort und die Natur. 

„OderAmazonas“ heißt Ihr Blog. Woher kommt der Name, und welche Intention steckt dahinter? 

Wir hätten den Blog auch „StadtLand“ nennen können, das wäre näher am Thema. Das fanden wir aber langweilig, und so nannten wir ihn „OderAmazonas“. Der Anlass war, dass unserem Eindruck nach der Dialog zwischen Stadt und Land gestört ist. Zwar ist die neue Landlust der Städter in aller Munde. Zugleich gibt es aber wenig Wissen über das Land, beispielsweise über die Bedingungen, unter denen Landwirte arbeiten. Auch umgekehrt gibt es Abwehrreflexe. 

Was sind Ihrer Erfahrung nach die Gründe, aus denen Menschen von der Stadt aufs Land ziehen?

Für den Großteil sind der Wunsch nach Nähe zur Natur und Ruhe entscheidend. Und dann gibt es noch diejenigen, die mit der Erwartung aufs Land ziehen, das „richtige Leben“ umzusetzen – mit Ideen von Nachhaltigkeit, Diversity und neuerdings auch Digitalisierung. Diese Leute gründen viele der Projekte, die aktuell rezipiert werden. Diese Gruppe ist eine Minderheit, bekommt aber hohe mediale Aufmerksamkeit.

Hat es schon früher Wellen von Zuzüglern aufs Land gegeben?

Es gab immer Wellen von Zuzüglern aufs Land. An der aktuellen Welle ist neu, dass sich einige Landprojekte als „Entwickler“ des ländlichen Raums begreifen. Gerade im Osten Deutschlands spricht man hier öfter davon, dem von Abwanderung geprägten Land Impulse geben, als „Raumpionier“ wirken zu wollen. 

Bringen die Zuzügler denn Impulse? Kommt es auch zu Konflikten? 

Durch Städter, die aufs Land gegangen sind, hat der ländliche Raum immer schon positive Impulse bekommen. Zum Beispiel wäre ohne Zuzügler viel ländliche Bausubstanz verloren gegangen. Auch kulturell bringt Zuzug frischen Wind. Aber problematisch ist, wenn eine städtische Sicht auf das Land zum Maßstab gemacht wird. Es ist ja nicht so, als gäbe es auf dem Land keine Kultur und keine funktionierenden Strukturen, ganz im Gegenteil. Teilweise entstehen Konflikte auch wegen enttäuschter Erwartungen, etwa weil das Landleben mit Traktoren und Mähdreschern doch nicht so ruhig ist wie angenommen. Als Ankömmling muss man akzeptieren, dass man Teil eines wirtschaftlich genutzten Raums wird.

Viele verbinden das Landleben mit alten Häusern und viel Grün. Welche Herausforderungen gehen mit der Restaurierung bzw. dem Erhalt der ländlichen Architektur einher? 

Dazu kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass diese Aufgabe immer – ich glaube fast ohne Ausnahme – unterschätzt wird. Renovierungen und Restaurationen sind teuer und langwierig. Dabei meine ich, dass Bauen im Bestand eine Hauptbauaufgabe sein sollte. Ich sehe vor allem die Gefahr des Strukturverlusts durch den sogenannten „Donut-Effekt“: Die gewachsenen Ortskerne verfallen, während drum herum Neubauten entstehen. Deswegen ist es wichtig, nicht nur die Haupthäuser ehemaliger Höfe als Solitäre zu erhalten, sondern auch Scheunen und Ställe.

Zur Person

Tina Veihelmann ist Journalistin und befasst sich mit Transformationsprozessen und Zivilgesellschaft in der Stadt, auf dem Land und dazwischen. Gemeinsam mit Kenneth Anders und Steffen Schuhmann betreibt sie den lesenswerten Blog OderAmazonas.de.

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