Staatsbibliothek zu Berlin

In Stein gemeißelt

Architektur spiegelt in Bauweise, Form und Materialität ihre Epoche wider und erzählt Geschichte in den Spuren, die die Zeit in ihre Bausubstanz eingräbt. Beides regt den Betrachter zum Nachdenken, Erinnern und zur Neu- und Selbstdefinition an. Allein in Berlin stehen laut dem Landesdenkmalamt 5.810 Bauwerke unter Denkmalschutz. Eines davon ist die Staatsbibliothek zu Berlin, deren Standort Unter den Linden seit 2004 umfassend saniert wird. Vor allem die Ausführung der zahlreichen Steinputzflächen war dabei eine Herausforderung.

Errichtet wurde der dem Historismus zugehörige Bau von 1903 bis 1914 durch den Architekten Ernst von Ihne. Bombeneinschläge während des Zweiten Weltkriegs führten dazu, dass ganze Gebäudeteile abgetragen werden mussten, wie die Kuppel über dem Hauptportal sowie der gesamte Kuppellesesaal. Eine erste Sanierung fand bereits in den Nachkriegsjahren statt. Aufgrund der wirtschaftlichen Situation wurde jedoch lediglich das Notwendigste gerettet. Seit 2004 wird der Komplex behutsam saniert und um Neubauten ergänzt, zu denen der allgemeine Lesesaal, der Rara-Lesesaal, Tresormagazine und das Freihandmagazin zählen. Die Entwürfe hierzu stammen von Hans-Günther Merz, Inhaber des Architekturbüros HG Merz. Seit 2011 wird das Projekt von Ulrich Neumann, Architekt bei BAL, betreut. Neumann war zuvor bei HG Merz tätig, sodass er den Neubau sowie die Sanierung der Staatsbibliothek von Beginn an begleitet hat.

Damit sich die Neubauten in den bestehenden Komplex einfügen, wurde die alte Kubatur des ursprünglichen Baus aufgegriffen. Doch anstatt diese zu rekonstruieren, wurde sie in die heutige Zeit übersetzt und mit modernen Details versehen. Spürbar wird dies beispielsweise an der Glasfassade des neuen Lesesaals. Bestehend aus circa 570 Scheiben, die zweischichtig mit einem Abstand von 90 cm eingesetzt wurden, liegt ihr ein ähnliches Raster zugrunde wie der Natursteinfassade des Bestandsbaus. Im Gegensatz zum Altbau wirkt der Innenraum durch das nachverformte Glas deutlich heller und freundlicher. Bei der Sanierung legten die Architekten Wert darauf, nicht nur die Auflagen des Denkmalschutzes zu erfüllen, sondern auch das Raumgefühl des Bestandsbaus wiederaufleben zu lassen. Unter anderem wurden dazu Decken entfernt, die während der Nachkriegssanierung teilweise unter das Gewölbe gesetzt wurden und dadurch niedrige Räume gebildet haben.

Steinputz – Material des Historismus
Bereits der von Ernst von Ihne geplante, ursprüngliche Bau bestand zu großen Teilen aus Steinputz. Das Material, das Stein täuschend ähnlich sieht, kam dem Wunsch der Epoche nach Repräsentation entgegen, war aber damals deutlich wirtschaftlicher. Die Außenfassade wurde zwar in Naturstein – Sandstein und Granit – ausgeführt, in den Innenräumen aber kamen die kostengünstigeren Alternativen zum Einsatz: Säulen, Pilaster und weitere vorfabrizierte Schmuckelemente sind aus Kunststein gefertigt. Oberflächen und Gebäudeelemente, die vor Ort entstanden, wurden mit Steinputz verputzt. Damit das Gebäude auch weiterhin möglichst dem Original entspricht, wird zur Sanierung einiger Gebäudeteile Steinputz verwendet. Besonders große Flächen sind in den Treppenhäusern sowie im Vestibül und in der Treppenhalle vorhanden.

Original-Rezeptur ist nicht gleich Original
Damit sich die neuen Steinputzflächen optisch in das Gesamtbild einfügen, werden mehrere Rezepturen mit unterschiedlichen Färbungen des Mörtels angewendet. So können die neuen Flächen an die verschiedenen Variationen des bestehenden Putzes angepasst werden. Um die neuen Rezepturen herzustellen, wurden im ersten Schritt Farbe und Körnung des Originalputzes in einem Labor analysiert. Auf dieser Grundlage wurden verschiedene Mörtel auf Musterplatten aufgebracht und mit dem Original abgeglichen. Da Abweichungen in der Farbe häufig erst im direkten Vergleich an der Wand auffallen, kann es bis zu fünf solcher Durchgänge brauchen, ehe eine neue Rezeptur gefunden ist.
Dabei sind viele Details zu berücksichtigen: Der Denkmalschutz legt großen Wert auf die Originalrezeptur. Doch diese liefert heute nicht notwendigerweise das gleiche Ergebnis wie früher. Denn die Rohstoffe, mit denen Putzhersteller wie Saint-Gobain Weber arbeiten, sind heute reiner, d.h. Sauberer als die Putze des frühen 20. Jahrhunderts, die in der Regel von Hand auf der Baustelle zusammengemischt wurden. Daher wirken die Putze heller als früher, und die Rezeptur muss im Vergleich zum Original entsprechend angepasst werden.

Manchmal verlangt der Denkmalschutz zudem Nachbearbeitungen an den neu verputzten Flächen, indem der Fassade leichte Unregelmäßigkeiten zugefügt werden, die den Alterungsprozess nachempfinden. Nur wenige Handwerksspezialisten beherrschen die Verarbeitung von Steinputz noch. Einer von ihnen ist der Stuckateurbetrieb K. Rogge Spezialbau gmbh aus Berlin, der den Zuschlag erhielt. Der umfangreiche Sanierungsprozess erforderte eine besonders enge Abstimmung zwischen Planer, Fachhandwerkern, Denkmalschutzbehörde sowie der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

In der Ruhe liegt die Kraft
Neben der Suche nach der richtigen Rezeptur ist auch die Ausführung des Steinputzes eine Herausforderung. Besonders wichtig ist es, entsprechende Standzeiten einzuplanen, da das Material fest anzieht und daher hohen Spannungen ausgesetzt ist. Die Schichten sollten nicht mehr schwinden, bevor die nächste aufgetragen wird. Um die Anmutung von Naturstein zu verstärken, wurden bei der sanierten Bibliothek Scheinfugen gezogen. Nachdem die Oberflächen fertiggestellt waren, schnitten die Stuckateure Fugen aus und empfanden sie anschließend mit einem andersfarbigen Mörtel nach.

Ein Ort der Geschichte
Das geschichtsträchtige Bauwerk zeigt sich nun zum Teil in neuem Gewand und bewahrt umfangreiches Wissen auch für nachfolgende Generationen. Der neue Lesesaal der Staatsbibliothek ist bereits seit 2014 wieder zugänglich. Und auch die Sanierung der übrigen Gebäudeabschnitte befindet sich auf der Zielgeraden. Bis Ende 2019 soll das Gebäude offiziell übergeben werden.

Insgesamt stellt die Staatsbibliothek am Standort Unter den Linden auf einer Bruttogeschossfläche von circa 105.000 Quadratmetern historische Sammlungen aller Länder und Sprachen sämtlicher Wissenschaftsgebiete sowie moderne Sammlungen mit einem Schwerpunkt auf Geisteswissenschaften bereit.

Daten + Fakten

Objekt
Staatsbibliothek zu Berlin, Standort Unter den Linden

Bauherr
Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Architekt
HG Merz, BAL Bauplanungs und Steuerungs gmbh

Sanierung Steinputz
K. Rogge Spezialbau gmbh

Bildrechte
Saint-Gobain Weber

Damit wurde gebaut

Untergrund-vorbereitung
weber.dur 101, Mineralische Haftbrücke

Unterputz
weber.dur 120, Mineralischer Zement-Putz

Oberputz
Steinputz weber.san 191 in verschiedenen Farbtönen

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