DATA & FACTS
KÖPFE-01.10.2018
Zur Person

Xaver Egger ist Geschäftsführer bei SEHW Architektur GmbH in Berlin und Professor an der Hochschule Bochum. Er führt das Büro gemeinsam mit Hendrik Rieger.

SEHW Architektur GmbH
Wikingerufer 7
10555 Berlin

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Demokratisches Bauen für die öffentliche Hand

Prof. Xaver Egger über die Architektur öffentlicher Gebäude

Für den Geschäftsführer von SEHW Architektur dürfen öffentliche Gebäude nicht rückwärtsgewandt sein. Ein Interview vor dem Hintergrun der 2 Ministerien Potsdam. Der Krefelder Architekt spricht über die Bedeutung des Bauhaus für heutige Industriebauten und die Umnutzung des alten VerSeidAG-Industriegeländes.

Was unterscheidet das Bauen für öffentliche Auftraggeber von anderen Bauaufgaben?

Es dauert deutlich länger. Ein privater Bauherr agiert ganz anders, was Finanzierung, Investment, Mittelbereitstellung usw. betrifft. Dennoch entstehen oft sehr innovative öffentliche Bauten. Die Moderations- und Mediationsprozesse dauern dann aber teilweise genauso lang wie der Bau. Das liegt an der Kameralistik, die dahintersteht.

Sollte ein öffentliches Gebäude die politische Haltung des Landes verkörpern?

Meiner Meinung nach ja. Gebäude sind Kinder ihrer Zeit. Viele öffentliche Bauten stammen aus den 50er-Jahren, der Nachkriegs- oder Trümmerzeit. Man sieht ihnen an, dass wenig Material vorhanden war, aber dennoch eine Aufbruchstimmung vorherrschte. Danach wurde die Architektur experimenteller. Heute sehnt man sich nach einer friedlichen, ruhigeren Zeit zurück. Deshalb werden historisierende Elemente eingesetzt. Öffentliche Gebäude sollten aber nicht rückwärtsgewandt sein. Es wird zum Beispiel immer gesagt, dass der ehemalige Bundestagsplenarsaal in Bonn von Behnisch ein klarer Ausdruck demokratischen Bauens sei, weil er so transparent ist. Das ist für mich immer noch ein schönes Bild.

Die „2 Ministerien“ wurden auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne gebaut. Inwiefern haben Sie Rücksicht auf die Bestandsbauten genommen?

Es sollte ein modernes Haus sein. Das, was man grundsätzlich übernommen hat, ist die Putzfassade, da es in Potsdam viele Putzbauten gibt. Die Denkmalpflege forderte eine Schauseite zur Straße, so wie es in Potsdam üblich war. Es ist eine Lochfassade mit einzelnen Fenstern im friedrizianischen Raster. Das folgt dem alten Duktus der Straßenbebauung. Nach innen entwickelt sich daraus etwas Neues.

Welche Atmosphäre wollten Sie mit den „2 Ministerien“ schaffen, und womit haben Sie dies umgesetzt?

Bürgernähe war ein zentrales Thema. Das Gebäude sollte einladend und keinesfalls abweisend sein. Deshalb auch die Innenhöfe: In einen kann man hineinschauen, einen kann man betreten, und einer ist geschlossen. Wir haben damit eine Kombination aus Einladung und Rückzug geschaffen. In einem großen Gebäude wie diesem ist die Orientierung wichtig. Hierzu haben wir den Flur als große lichtdurchflutete Promenade angelegt, von dem das Treppenhaus und Aufzüge zum öffentlichen Bereich abgehen. Ein Farbsystem sorgt zusätzlich für eine bessere Orientierung auf den einzelnen Etagen. Außerdem war uns eine wohnliche Atmosphäre wichtig. Um kilometerlange Flure zu vermeiden, haben wir Öffnungen mit bequemen Sesseln auf den Fluren eingerichtet. Und diese Bereiche werden genutzt, der Plan ist aufgegangen.

Warum haben Sie sich für eine Edelkratzputzfassade entschieden?

Als uns klar war, dass es eine Putzfassade werden soll, haben wir sofort gesagt, dass es kein Wärmedämm-Verbundsystem mit Styropor und nur einem Hauch von Putz sein kann. Es sollte etwas Handwerkliches werden, mit einer vernünftigen Schichtdicke. So sind wir letztendlich bei Saint-Gobain Weber gelandet. Um einen Putz auszuwählen, waren wir mit vielen Mustern bei verschiedenen Lichtstimmungen vor Ort. Gemeinsam mit der Denkmalpflege fiel unsere Wahl auf einen Kratzputz, bei dem sich die Schlämme rauswäscht und durch Zuschlagstoffe die eigene Farbe entsteht. Nach einigen Jahren kann man jetzt feststellen, dass sich die Fassade langsam verändert. Das finde ich schön.