Parkhäuser

Eine Zeitreise

Was in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts mit Exklusivität und Luxus begann, entwickelte sich schnell zum notwendigen Element moderner Innenstädte. Ob Hoch- oder Tiefgaragen, gerade Rampen oder die berühmte Doppelhelix – alle funktionalen Lösungen, die für die ersten Parkhäuser entwickelt wurden, bestehen bis heute fort. Gleichzeitig ist diese Gebäudeart nach wie vor in architektonischer und funktionaler Hinsicht Versuchsort für sich wandelnde Mobilitätsansprüche. Damit besitzen moderne Parkhauskonzepte das Potenzial, zur nachhaltigen Veränderung von Fortbewegungsgewohnheiten beizutragen.

Bild: Roland Rossner

Mit dem Kant-Garagenpalast in Berlin eröffnete im Jahr 1930 das erste Garagenhochhaus Deutschlands mit insgesamt 300 Stellplätzen. Nach den Plänen von Hermann Zweigenthal (alias Hermann Herrey) im Stil der Neuen Sachlichkeit erbaut, spiegelte es das beginnende Automobilzeitalter wider. Die Fahrt in die Stadt sollte mit Komfort beginnen, und so wurde jedem Automobil eine eigene abschließbare Box zugewiesen. Ergänzend hierzu gab es einen Wasch- und Tankservice, eine Werkstatt sowie eine Zentralheizung, die die empfindlichen Holzkarosserien vor Feuchtigkeit schützte. Eine echte Sensation war die Doppelhelix: zwei spiralartig verlaufende Rampen, die übereinander versetzt auf- und abfahrende Autos voneinander trennten. Nach langer Zeit des Leerstands, Verfalls und drohenden Abrisses befindet sich das inzwischen denkmalgeschützte Gebäude im Umbau zum zukünftigen Standort des neuen stilwerks Berlin. Die Designmarke macht sich dabei die historischen Merkmale wie die Parkboxen oder die gläserne Vorhangfassade auf der Rückseite des Stahlbeton-Skelettbaus zunutze, um ihre hochwertige Inneneinrichtung zu präsentieren.

Bild: Roland Rossner

Quantität statt Qualität

In den Parkhäusern der Nachkriegszeit setzte man dagegen auf Quantität statt Qualität. Die Folgen waren Gebäude, bei denen man auf eine ansprechende Architektur weitestgehend verzichtete. Sie sind bis heute in vielen Innenstädten ein unliebsamer Blickfang und werden oft als Angsträume wahrgenommen. Dass es anders geht, beweist das Parkhauskonzept der Oster-straßengaragen in Hannover von Heinz Wilke aus dem Jahr 1974. Dort dient die Grundkonstruktion gleichzeitig als Gestaltungsmerkmal: Die Fassade besteht aus Parkbuchten, die im 60-Grad-Winkel angelegt sind und wie Balkone hervorragen. Das Parkhaus wirkt dadurch wie eine Skulptur.

Bild: Tobias Vollmer

Mehr als ein Zweckbau

Nach der  Beton-Ära“ der 1960er bis 1980er Jahre erfährt das Parkhaus bei Architekturschaffenden neue Aufmerksamkeit. Parken wird zum Politikum, der Bau von Parkhäusern ein Abbild dessen, wie man sich die Stadt der Zukunft vorstellt. Neu geschaffene Frauen- und Familienparkplätze spiegeln ein verändertes gesellschaftliches Bewusstsein wider, daneben müssen Parkplätze an die wachsende Länge und Breite der Fahrzeuge angepasst werden. Die architektonische Qualität rückt wieder stärker in den Vordergrund. Ein zeitgenössisches Beispiel dafür ist die von wulf architekten aus Stuttgart gestaltete und 2017 fertiggestellte Fassade des Messeparkhauses Zoobrücke/P22a in Köln-Deutz. Das Parkhaus selbst wurde von schulte architekten, Köln, geplant und bildet den städtebaulichen Abschluss des Messegeländes. Seine Schauseite im Norden ist von einer poetisch anmutenden Hülle umgeben, die die organische Grundform aufnimmt. Grundlage für die licht- und luftdurchlässige Schuppenfassade waren Assoziationen zur Natur. Sie besteht aus rund 3000 lasergeschnittenen Paneelen aus eloxierten Aluminium-Lochblechen. Die kiemenartigen Öffnungen sowie der Lochanteil der Bleche sorgen für eine natürliche Durchlüftung und Belichtung des Innenraums. Durch die Überlappung der Bleche entstehen interessante geometrische Muster, die insbesondere bei Nacht eine zeichenhafte Symbolik entwickeln. Die Ausstrahlung der Fassade hebt das Parkhaus, das im Auftrag der Koelnmesse GmbH errichtet wurde, über ein reines Zweckbauniveau hinaus. Mit seiner eigenständigen Formensprache wird es zu einer unübersehbaren Landmarke.

Bild: Arjen Schmitz

Parkplatzsuche leicht gemacht

Ein nicht weniger auffälliges Gestaltungskonzept entwickelten dok architecten für das ebenfalls 2017 fertiggestellte Parkhaus „Katwolderplein“ im niederländischen Zwolle. Von außen erinnert es mit seiner geschwungenen Backsteinfassade eher an die Herbergen reisender Karawanen als an einen Verkehrsbau mit 700 Pkw-Stellplätzen. Eine 800 m2 große Solaranlage auf dem Dach liefert Strom für die Beleuchtung des Gebäudes und die Ladestationen der E-Autos. Die rückspringenden Terrassen sind begrünt und mit Nistmöglichkeiten für Schwalben und Fledermäuse ausgestattet. Im Inneren sorgen kräftige Farben für Orientierung und eine angenehme Atmosphäre – der „Angstraum Parkhaus“ ist damit passé. Ein sensorgesteuerter Park-assistent leitet zum nächstgelegenen freien Parkplatz und minimiert auf diese Weise den Suchverkehr.

Visualisierung: haascookzemmrich STUDIO2050

Ankommen und weiterfahren

Die autofreie Stadt wird aktuell zunehmend zum Leitbild, liegt jedoch noch in der Ferne.  Für die Zukunft gilt es zunächst – im Sinne des nachhaltigen Bauens und der Entlastung der Innenstädte –, Mobilitätskonzepte zu entwickeln, die auch alternative Verkehrsmittel berücksichtigen. Neben reinen Fahrradparkhäusern schöpfen sogenannte „Mobility Hubs“ das Potenzial der bereits vorhandenen Park & Ride-Plätze weiter aus. Der Idee „Ankommen und weiterfahren“ folgend, kombinieren sie Parkareale an zentralen Knotenpunkten mit verschiedenen Fortbewegungskonzepten wie Car-Sharing, E-Autos, Fahrrädern oder ÖPNV. Planungen hierzu gibt es unter anderem in Stuttgart, wo auf der Fläche des heutigen Breuninger-Parkhauses ein innovatives Mobilitätszentrum nach dem Entwurf von haascookzemmrich STUDIO2050 entstehen soll. Der sogenannte „Smart Mobility Hub“ will in Zukunft jedoch mehr erfüllen als die Verknüpfung von Individualverkehr und nachhaltigen Verkehrsmitteln: Als Teil des IBA’27-Projekts „Neue Mitte Leonhardsvorstadt“ soll er zusammen mit einem Film- und Medienhaus die belebte und intensiv genutzte Kante des Quartiers bilden und damit wesentlich zur nachhaltigen Stadtreparatur beitragen.

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