Bülent Durmus

Architektur als Markenzeichen

Kantig und bizarr, so lässt sich nicht nur die Architektur von Daniel Libeskind beschreiben. Wie wichtig ist eine spektakuläre Architektur für den Erfolg eines Museums, und wie wichtig ist der Name des Architekten?

Mit der Realisierung des Jüdischen Museums Berlin fing die einzigartige Erfolgsgeschichte von Daniel Libeskind an. Die prägnante Architektur ist zum Synonym für das Jüdische Museum Berlin geworden. Laut aktuellen Besucherbefragungen kommen ca. 40 % unserer Besucher aus aller Welt, um die Architektur von Daniel Libeskind zu sehen. Diese Zahl spricht für sich.

Was muss ein gutes Museumsgebäude heute leisten?

Neben dem hohen Anspruch, eine Marke aufzubauen, muss es eine hohe Flexibilität in der Nutzung aufweisen. Ein modernes Museum ist mehr als eine herkömmliche Ausstellungsfläche mit Depots und Werkstätten. Dabei spielt die vielschichtige Vermittlung für die soziale Komponente des ge­meinsamen Erlebens eine große Rolle. Daher sind infrastrukturelle Angebote wie eine ansprechende Restauration, Grünflächen zum Reflektieren oder ein Museumsshop integrale Bestandteile. Die mediale Erwartungshaltung des Besuchers erfordert eine ständige Anpassung des Angebotes an die zeitgemäße Technik. Auch hier muss mit der Anpassung der Infrastruktur des Gebäudes reagiert werden.

Würden Sie dem Leitsatz „außen auffällig, innen reduziert“ zustimmen?

Außen auffällig: ja und unbedingt. Innen reduziert ist mir zu pauschal. Hier geht es um die Konkurrenz zwischen Architektur und Ausstellungs­design. Ein „white cube“ ist die einfachste Voraussetzung, um diesem Konflikt zu entgehen. Eine expressive Architektur hingegen braucht eine adäquate Antwort, eine Haltung, die im Dialog zu mehr als der Summe der Einzelteile führt. Das gelingt leider nicht immer.

Wie groß ist der Einfluss der Architektur auf die Museumspädagogik und die Ausstellungskonzeption?

Das architektonische Konzept Daniel Libeskinds basiert auf Themen aus der jüdischen Geschichte. Da ist die Vermittlung anhand gebauter Symbolik, wie der „voids“ – haushoher leerer Räume, die für Lücken stehen, die Vertreibung und Mord in die deutsche Gesellschaft geschlagen haben – naheliegend und durch die Emotionalität selbsterklärend. Die Ausstellungsarchitektur kann diese Eindrücke verstärken, braucht aber in erster Linie eine eigene Sprache, um differenzierte Inhalte authentisch und seriös zu präsentieren.

Wie unterscheidet sich der Bau von Museen von anderen Bauaufgaben?

Ein Museum steht durch seinen gesellschaftlichen Auftrag der Erhaltung und Präsentation von Kultur im exponierten Fokus. Dieser Anspruch erfordert eine besondere Antwort vom Architekten und dem Bauherren. Ein Museum darf oder sollte in der Stadtlandschaft eine hervorgehobene Rolle spielen. Ebenso verlangt die Planung der inneren Ausstattung eine entsprechende Aufmerksamkeit. Diese enormen Anforderungen führen natürlich auch zu höheren Baukosten.

Welche Anforderungen gibt es an die verwendeten Materialien?

Das Jüdische Museum Berlin hat jährlich ca. 700.000 Besucher. Unsere Vision fordert eine Unmittelbarkeit des Museums. Der Besucher soll sich so frei wie möglich bewegen können und Exponate, aber auch das Gebäude unmittelbar und ohne Barrieren erleben. Dabei ist die Auswahl der verwendeten Materialien von enormer Wichtig­keit. Hochwertige Böden, die sich in der industriellen Nutzung bewährt haben, Lacke, die der menschlichen Säure an den Händen stand­halten müssen, und Farben, die scheuerfähig und damit zu reinigen sind.

Welche Tipps geben Sie Architekten, die vor der Planungsaufgabe Museum stehen?

Architekten haben meist eine gute Ausbildung und viel Erfahrung im Planen und Bauen. Sie stehen aber in großer Abhängigkeit vom Bauherrn, dessen Vision sie antreiben sollte. Daher besteht für den Architekten die größte Herausforderung darin, den Bauherren darin zu bekräftigen, gemeinsam mit ihm eine einzigartige und unverwechselbare Architektur zu schaffen.

Zur Person

Bülent Durmus ist seit 2008 Organisationsdirektor des Jüdischen Museums Berlin. Der studierte Architekt hat bereits in den Jahren 2000 bis 2001 bei den von Daniel Libeskind geplanten Umbaumaßnahmen die Interessen des Hauses vertreten.

Jüdisches Museum Berlin
Lindenstraße 9-14
10969 Berlin

www.jmberlin.com

ARTIKEL TEILEN

VERÖFFENTLICHT IN

KÖPFE